Lohnt sich die IHK-Übersetzerprüfung?

Ganz klar: Ja!

Das wäre ein sehr kurzer Blogartikel geworden, wenn ich beim Ausrufezeichen aufgehört hätte. Ich möchte euch natürlich nicht mit diesem Versprechen stehen lassen. Ganz im Gegenteil: Ich beschreibe hier gern die Vorteile der IHK-Übersetzerprüfung.


Das Thema ist gerade besonders aktuell, da vor Kurzem eine neue Prüfungsordnung verabschiedet und veröffentlicht wurde, die wichtige Änderungen einführt und endlich die Übersetzerpraxis deutlich realitätsgetreuer wiederspiegelt (dazu weiter unten mehr…).


Während meiner Zeit als Leiterin der RussischSchule wurde ich häufig – insbesondere von Kursinteressentinnen im Vorfeld ihrer Anmeldung zum Kurs – danach gefragt. Viele wollten so etwas wie eine Garantie haben, dass sie das Richtige tun, dass sich diese Investition in die Prüfungsvorbereitung auszahlen wird. Die konnte ich natürlich nicht geben. Aber ich kann an dieser Stelle die Argumente vorstellen, die auf meiner Erfahrung und zahlreichen Gesprächen mit anderen Übersetzer/innen beruhen:

Die Übersetzerprüfung an einer Industrie- und Handelskammer bietet sich an, wenn ihr bereits einen Ausbildungs- oder Studienabschluss, zusätzlich optimalerweise Erfahrung in der Arbeit mit Texten in der eigenen Muttersprache und in Fremdsprachen habt und einen Quereinstieg in den Übersetzerberuf anstrebt. Als Beispiele können dienen: ein Lektor für fremdsprachige Veröffentlichungen, eine Wissenschaftlerin mit auslandsbezogenen Forschungsschwerpunkten oder ein Mitarbeiter einer Unternehmensberatung, der beide Sprachen in seiner Arbeit einsetzen kann/muss, usw.. Wenn sich die berufliche Erfahrung und die formale Qualifikation auch noch auf ein Wissensgebiet beziehen, die auf dem Übersetzungsmarkt gefragt sind, z. B. IT, Finanzen oder Medizin, habt ihr die optimale Ausgangssituation.

Vorteile der IHK-Prüfung gegenüber dem Studium an einer Hochschule:

  • Zeitersparnis: Wenn ihr bereits eine Ausbildung oder ein Studium hinter sich habt, so ist meist davon auszugehen, dass ein gewisses reiferes Alter und eine gewisse Position im Leben erreicht sind (Familie und Kinder, Vollzeitjob oder das alles zusammen). Da hat man in der Regel nicht unbedingt Zeit und Möglichkeiten, alles stehen und liegen zu lassen und ein Vollzeit-Übersetzerstudium zu starten. Wie schön der Gedanke auch sein mag… Die Vorbereitung auf die IHK-Prüfung baut in der Regel auf den bereits vorhandenen Qualifikationen und Erfahrungen auf und dauert dadurch oft nur ein paar Jahre.
  • Praktische Orientierung: Naturgemäß ist Wirtschaft das schwerpunktmäßige Fachgebiet der IHK-Übersetzerprüfung. Übersetzt werden in der Regel Zeitungstexte aus dem Wirtschaftsteil einer der bekannten deutschsprachigen bzw. ausländischen Zeitungen. Diese Texte weisen zudem häufig neben dem Wirtschaftswortschatz auch Elemente der Rechtssprache und politisches Vokabular auf. Bei der Prüfungsvorbereitung beschäftigt man sich daher mit genau diesen Fachgebieten – in Form von zahlreichen Übersetzungsübungen und fachtheoretisch. Man betrachtet beispielsweise das Wirtschaftssystem und das Rechtssystem der beiden Länder in den jeweils beiden Sprachen und erreicht damit ein tieferes Verständnis dessen, was in der Zeitung steht. Denn ohne ein tieferes Verständnis der Theorie und der Gesetzmäßigkeiten “hinter dem Text” kann keine gute und korrekte Übersetzung entstehen. Also erwirbt man bei der systematischen Vorbereitung auch das Wissen in drei potentiellen zukünftigen Spezialisierungsbereichen: Wirtschaft, Politik und Recht. Letzterer bringt einen auch der Ermächtigung als Übersetzer oder Vereidigung als Dolmetscher einen großen Schritt näher.
    Zum Vergleich: Im Studium sind je nach Hochschule auch zahlreiche literarische Texte Gegenstand der Übersetzung oder viele sprachwissenschaftliche/linguistische Fächer müssen besucht werden. Das kann für einzelne angehende Übersetzer sehr erfüllend sein und letztendlich sogar zur Karriere des Literaturübersetzers führen. Für Quereinsteiger/innen wäre dies trotzdem häufig leider nur Zeitverlust.
  • Kostenersparnis: Kosten sind ein nicht zu vernachlässigender Faktor. Ein Studium zu finanzieren ist trotz der abgeschafften Studiengebühren kein leichtes Unterfangen, und schon gar nicht, wenn man bereits Kinder hat. Irgendwie muss man es schaffen, 5 bis 6 Jahre mit einem Teilzeitjob oder ganz ohne Job zu überbrücken. Die Vorbereitung auf die IHK-Prüfung dauert in der Regel – und in Abhängigkeit von euren Kenntnissen – nur ein paar Jahre und ist bei entsprechenden Sprach- und Fachkenntnissen sowie der Motivation zum Lernen am Wochenende auch berufs- und familienbegleitend zu schaffen.

Vorteile der Prüfung gegenüber Arbeit ohne Prüfung:

  • Geschützter Titel: Die Berufsbezeichnung Übersetzer ist in Deutschland nicht geschützt. Jeder darf sich so nennen. Theoretisch muss man dafür nicht mal Fremdsprachenkenntnisse haben, denn man muss ja keinen Antrag stellen und keine Abschlüsse vorlegen, wenn man den Beruf ausüben möchte. Das ist der Unterschied zu freien Berufen wie Rechtsanwälte oder Architekten. Das hört sich nach einem leichten Berufszugang an, birgt allerdings auch Gefahren, wenn man in den Markt als Neuling eintreten will: starke Konkurrenz, schlechter Ruf/Status des Berufsstandes, Preiskampf usw.Um sich von weniger oder gar nicht qualifizierten Mitbewerbern abzuheben, noch bevor der Kunde die Gelegenheit hatte, die Qualität zu vergleichen, benötigt man daher “äußere Merkmale”. Eins davon ist der geschützte Titel “Geprüfter Übersetzer/Geprüfte Übersetzerin”, den man nach dem erfolgreichem Ablegen der IHK-Prüfung erhält und beispielsweise auf der Visitenkarte, in der E-Mail-Signatur oder auf der eigenen Website hervorheben kann.
  • Hinzu kommt, dass sich der/die angehende Übersetzer/in dank der durchaus empfehlenswerten systematischen Vorbereitung auf die IHK-Prüfung über einen längeren Zeitraum mit den Wissensbereichen Wirtschaft, Recht und Politik in den beiden Sprachen und bezogen auf die beiden Länder tiefgehend beschäftigte. Das gibt ihm/ihr die Möglichkeit, hierbei auch die eigenen Neigungen und fachlichen Präferenzen zu erkunden, um im Anschluss an die Prüfung nicht nur sagen zu können, man habe sich auf Wirtschaft, Politik und Recht spezialisiert. Vielmehr geht es dabei darum, herauszufinden, welche Teilbereiche der Wirtschaft, Politik und des Rechts ihm/ihr am meisten liegen und als spätere Spezialisierung in der übersetzerischen Praxis dienen können.

Das Fachwissen aus dem Vorbereitungskurs sollte man jedoch unbedingt im Eigenstudium oder in Weiterbildungsseminaren vertiefen und regelmäßig aktualisieren. Sonst verliert man relativ schnell den Anschluss (dazu mehr in Ist Weiterbildung wirklich so wichtig?).

Vorteile der IHK-Prüfung gegenüber Prüfung bei einem staatlichen Prüfungsamt:

  • keine. Ich sehe zwischen den beiden nur einen geografischen Unterschied: In der Regel wird die IHK-Übersetzerprüfung in den Bundesländern angeboten, in denen keine entsprechende staatliche Prüfungsämter gibt, und umgekehrt. Sicherlich gibt es auch formale Unterschiede in der Prüfungsdurchführung oder in der Aufgabenstellung (Schwierigkeitsgrad, genaue Ausgestaltung), aber auf dem Markt werden beide Abschlüsse weitestgehend als gleichwertig angesehen.

Weniger greifbare Vorteile und Chancen

Wenn man einen Vorbereitungskurs besucht, hat man die Möglichkeit, zukünftige Kolleginnen in Aktion zu sehen und womöglich sogar Freundschaften zu schließen. Ganz häufig sah ich an meiner ehemaligen Schule neue Netzwerke entstehen, die sich verselbstständigten und auch noch nach vielen Jahren halten: Die ehemaligen Kursteilnehmerinnen kamen nicht nur zu Schulveranstaltungen, wie dem Russischübersetzer-Stammtisch, sondern treffen sich nach wie vor unabhängig von der Schule.

Dieses In-Aktion-Sehen von zukünftigen Kolleg/innen ermöglicht es, bei späteren größeren oder zum Teil fachfremden Aufträgen auf Hilfe von Kolleg/innen zurückzugreifen, über deren Qualität man verlässliche Informationen hat.

Zugang zu Prüfung und Prüfungsinhalte

Für die Prüfungsteilnehmer/innen, die sich noch 2017 zur Prüfung anmelden, gilt die alte Prüfungsverordnung von 2004. Laut dieser besteht die Prüfung aus

  • dem schriftlichen Teil: jeweils zwei Übersetzungen aus der Fremdsprache in die Muttersprache und umgekehrt und Verfassen eines Aufsatzes in der Fremdsprache (eine der Sprachen ist natürlich immer Deutsch) und
  • dem mündlichen Teil: Fachgespräch in der Fremdsprache und Stegreifübersetzen von jeweils zwei Texten zwischen den beiden involvierten Sprachen.

Ab Januar 2018 tritt allerdings eine neue Fortbildungsordnung für die IHK-Übersetzerprüfung in Kraft, die nun endlich aktuellen Anforderungen des Übersetzungsmarktes und der modernen digitalisierten Welt viel besser Rechnung trägt. Die neue IHK-Übersetzerprüfung besteht dann aus drei Teilen:

  • schriftliche Prüfung: Übersetzungen, Textzusammenfassung und Korrektur einer fremden Übersetzung,
  • 2-wöchiges Übersetzungsprojekt: Übersetzen eines schwierigen Textes sowie Erstellung einer Dokumentation über die begleitenden projektbezogenen Entscheidungen,
  • mündliche Prüfung: Fachgespräch über die üblichen Prüfungsthemen (vorwiegend Wirtschaft und Politik) sowie diverse Aspekte der Übersetzungspraxis.

Die wichtigste Innovation der neuen Verordnung ist aus meiner Sicht die Einführung des Handlungsfeldes “Aufträge selbstständig planen und abwickeln”. Hier geht es u. a. um die computerunterstützte Übersetzung sowie Terminologie- und Auftragsverwaltung. Endlich! Endlich! Endlich! Die entsprechenden Kenntnisse sollen dann offensichtlich im Rahmen des Übersetzungsprojektes und des Fachgesprächs aus der Theorie in die Praxis transferiert und im Rahmen der Prüfung unter Beweis gestellt werden. Nun liegt es an den Anbietern der Vorbereitungskurse entsprechende Module in ihre Programme einzubauen!


Nützliche Links

Mehr dazu, wie man den Quereinstieg gestaltet, lest ihr bitte in meinem Kapitel “Quereinstieg in den Übersetzerberuf” im Buch “Überleben als Übersetzer” von Miriam Neidhardt (3. Auflage, 2016).

Informationen zur bisherigen Prüfungsverordnung und weitere aktuell noch prüfungsrelevante Informationen findet ihr auf der Internetseite der IHK zu Düsseldorf. Wie oben bereits beschrieben gelten sie noch für die nächste Prüfung, solange die Anmeldung im Jahr 2017 stattfindet.

Die neue Prüfungsordnung für die Übersetzerprüfung an Industrie- und Handelskammern findet ihr nochmals hier.

Die Vorbereitung auf die IHK-Prüfung für Russischübersetzer lässt sich entweder in Eigenregie (wenig empfehlenswert) oder mit folgender Unterstützung organisieren:
– zeitlich und inhaltlich individuell abgestimmte Vorbereitung bei mir und Kolleginnen, die mich als Dozentinnen dabei unterstützen, sowie
– in Gruppenform mit Samstagsunterricht an der RussischSchule (SPRACHiNVEST GmbH).


Und etwas Werbung in eigener Sache:

  • Am 18. November 2017 biete ich einen Workshop zum Thema “Übersetzungsprojektmanagement von innen und außen: Arbeit mit Agenturen und Subunternehmern” an. Der Workshop findet an der RussischSchule in Düsseldorf statt. Anmeldung kann entweder direkt über mich (Kontaktseite) oder über die RussischSchule (c/o SPRACHiNVEST) erfolgen.
  • Außerdem biete ich laufend Einzelberatung und -trainings in folgenden Bereichen an: Wirtschafts- und Politikübersetzung Russisch > Deutsch, Urkundenübersetzung, computergestützte Übersetzung und Auftragsverwaltung.

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