Ist Weiterbildung wirklich so wichtig für Übersetzer?

Faktoren, die dafür sprechen, das eigene Wissen regelmäßig durch Seminare und Konferenzen auszuweiten, gibt es einige:

Erstens, veraltet das Wissen schnell. Erstaunlich schnell. In einigen Bereichen schneller, in anderen langsamer. Aber wir leben im digitalen Zeitalter, und es ist nicht zu übersehen, dass der Informationsumfang von Jahr zu Jahr exponentiell zunimmt. Auch wenn unser Gehirn nicht dafür geschaffen ist, alle neuen Informationen – auch wenn sie noch so wichtig sein mögen – zu verarbeiten und in einer abrufbaren Form zu speichern, müssen wir lernen, damit umzugehen. Dazu gehört u. a. etwas technisches Know-How, dass dabei hilft, Wissensmanagement zu betreiben und Informationen oder Daten so abzulegen, dass man weiß, wo sie zu finden sind. Dazu gehört es aber auch, diese Informationen nicht nur der Festplatte anzuvertrauen, sondern sie auch zu sichten und dem Gehirn die Möglichkeit zu geben, ein paar entsprechende Synapsen zu bilden.

Neben der Veralterung des Wissens bringen neue Untersuchungsergebnisse auch in “traditionellen” oder scheinbar statischen Wissenschaften und Wissensbereichen, wie Archäologie, Geschichte oder Linguistik, neue Erkenntnisse. Nichts ist peinlicher, als auf einen Kunden zu treffen, der sich mit der neuen Rechtschreibung besser auskennt. In Bezug auf das Fachwissen ist der Kunde zwar schon oft überlegen. Aber auch hier schafft der zu richtigen Zeit angebrachte richtige Fachbegriff im Kundengespräch Vertrauen und Respekt.

Der nächste Faktor, der dafür spricht, die eigenen Fachhorizonte zu erweitern, ist die einfache psychologische oder pädagogische Erkenntnis, dass wir mit der Zeit Sachen vergessen. Und wir behalten sie deutlich besser, wenn wir sie wiederholen und das Gelernte auffrischen.

Nicht zu vernachlässigen ist auch der soziale Aspekt: Ich persönlich habe einige interessante Kolleginnen bei diversen Seminaren oder Konferenzen kennengelernt. Dadurch ergeben sich sehr spannende Gespräche – nicht nur über berufsbezogene Themen – und langjährige Bekanntschaften oder sogar Freundschaften. Oft wurden auf diese Weise aus Kolleginnen Auftraggeberinnen oder -nehmerinnen. Denn wenn man einen ganzen Tag zusammen verbringt, hat man auch genug Gelegenheiten, die anderen zu beobachten und zu schauen, ob die Zusammenarbeit erfolgreich sein kann – aus persönlicher und fachlicher Perspektive.

Und last but not least: Neues zu lernen, macht doch einfach Spaß! Zudem steigern neue Eindrücke die Kreativität und die Motivation, weiter zu machen, neue Ideen zu entwickeln und umzusetzen.

Zu beachten gilt… oder wie vermeide ich eventuelle Nachteile

Wenn wir aber schon mal beim Thema Weiterbildung sind, sollten wir uns auch über die Gegenargumente unterhalten, die immer wieder angebracht werden. Denn die Teilnahme an Seminaren und Konferenzen kostet Zeit und Geld. Das ist ein klarer Posten auf der Ausgabenseite im direkten und übertragenen Sinne. Es könnte auch passieren, dass die besuchte Weiterbildung nicht zum gewünschten Ergebnis führt, weil entweder die Qualität nicht stimmt oder das Thema doch nicht ausreichend praxisbezogen behandelt wird.

Die Entstehung dieser “Nachteile” kann man aber vermeiden. So hilft eine sorgfältige Recherche und Vergleich der Angebote, die Kosten und die Zeit im Blick zu behalten. Das Ziel dabei ist natürlich, die höchste Qualität mit den geringstmöglichen Kosten ausfindig zu machen. Hier geht es um das Gleichgewicht zwischen den beiden Faktoren: Nicht das billigste Angebot sollte das Ziel der Träume sein, sondern eine passende – sozusagen optimale Weiterbildung – zu einem vertretbaren Preis.

Als Bewertungskriterien für die Qualität kann man

  • den Anbieter,
  • den Referenten und natürlich
  • die Inhalte heranziehen.

Zur Orientierung: Die Kosten eines eintägigen Gruppenseminars (kein Einzeltraining) für Übersetzer, das in etwa 8 bis 9 Zeitstunden dauert, liegen in der Regel zwischen 130 und 300 Euro – also bei 15 bis 35-40 Euro/Stunde. Bei Preisen darunter oder darüber sollte man schauen, inwieweit das Kosten-Nutzen-Verhältnis noch oder schon stimmt.

Um zu vermeiden, dass man zwar ein schönes und spannendes Seminar besuchte aber sich ein Jahr später an nichts mehr erinnern kann, sollte nach dem Seminar das Gelernte nicht nur sorgfältig aufbewahrt werden 😉 Man sollte das Gelernte direkt anwenden oder wenigstens ein paar Wochen später wiederholen, um es nicht direkt im Nirvana des Gedächtnisses verschwinden zu lassen. Denn dann wäre es tatsächlich rausgeschmissenes Geld. Das ist eine ganz einfache pädagogische Weisheit – “Повторенье – мать ученья”, sagen da die Russen. Und “Übung macht den Meister”, sagen die Deutschen dazu 😉

Formen der Weiterbildung

Der Vollständigkeit halber poste ich hier auch eine Auflistung der mir bekannten Weiterbildungsformen inkl. meiner Anbieterempfehlungen:

Potentielle Ausrichtungen für Weiterbildungsaktivitäten

Und wenn man nicht wissen sollte, in welchen Bereichen man sich als Übersetzer unbedingt regelmäßig oder unregelmäßig weiterbilden sollte, hier ein paar Ideen:

  • im eigenen Fachgebiet
  • in einem neuen Fachgebiet
  • in Arbeitssprachen
  • in Software und Technik (CAT-Tools, sonstige unterstützende Software, Umgang mit Daten, Sicherheit usw.)
  • in Betriebswirtschaftslehre für Solo-Selbstständige (Marketing, Steuern, Buchhaltung, strategische Planung usw.)

Ich hoffe, dass ich mit diesem Beitrag den Wissensdurst etwas fördern konnte und wünsche uns alles spannende Begegnungen auf diversen Konferenzen und in Seminaren.

Ankündigung

Ich werde dieses Jahr zwei Workshops für Übersetzer anbieten:
– 10. Juni 2017: Urkundenübersetzung Russisch <> Deutsch und
– 18. November 2017: Übersetzungsprojektmanagement von innen und außen: Arbeit mit Agenturen und Subunternehmern.

Beide Workshops werden an der RussischSchule (c/o SPRACHiNVEST) in Düsseldorf stattfinden. Eine kurze Mail mit Interessensbekundung kann direkt an mich geschickt werden.